Die Maske meines Selbstbewusstseins

Wie Schminke alles besser aber auch schlechter machen kann

Alle Frauen schminken sich oder? Egal wem ich in der Uni oder auch auf der Arbeit begegne, alle tragen mindestens ein bisschen Schminke und oft frage ich mich warum. Wenn ich heute abend den Fernseher einschalte, strahlen mir wieder die perfekt aussehenden Mädels von GNTM entgegen. Fast alle von ihnen sind jünger als ich, ausnahmslos alle von ihnen sind sehr schön und auch ganz ungeschminkt blicken sie selbstbewusst und gutaussehend in die Kameras. Die Gedanken die mir dabei kommen laufen nie ganz bewusst ab, es ist mehr so ein tiefgründiger Prozess, den ich meistens garnicht so richtig mitbekomme. „Die sehen alle sooo toll aus“, „Keine von denen muss sich schminken um richtig schön auszusehen“, „Bestimmt hat von denen keine Pickel oder Augenringe“. Sätze die ziemlich subjektiv sind und die mein Freund bei lautem Aussprechen oft dementiert. Ich glaube nicht, dass er sie nicht auch schön findet, vielmehr erwecke ich bei ihm den Eindruck durch ihr Aussehen an dem Meinem zu zweifeln. Das tue ich auch. Mit jedem dieser Sätze vergleiche ich mich mit anderen Mädels. Ich gebe gerne zu, wenn ich andere Frauen hübsch finde und sehr oft mache ich anderen Komplimente. Ich finde das auch gut so und würde das nicht reduzieren um mich besser zu fühlen. Es ist der Unterton und der Gedanke der sich in den Tiefen meines Kopfes festsetzt wenn ich sowas manchmal ausspreche. Ich denke dann, dass ich nicht so groß, klein, kurvig, hübsch, makellos und so weiter bin… Das Schminken hilft mir, und ich habe das Gefühl auch vielen anderen Frauen, sich annähernd so zu sehen, wie wir andere Frauen wahrnehmen. Bei anderen ist es nicht so schlimm, wenn mal ein Pickel da ist! „Den sieht man doch überhaupt nicht“. Hat man selbst einen Vergleichbaren, sieht man in jedem Spiegel nichts anderes mehr. Es nagt am Selbstbewusstsein. Wenn ich mich schminke, kann ich immerhin einige Dinge unsichtbar werden lassen und dadurch fühle ich mich beim täglichen Gang in den Supermarkt viel sicherer. Ich habe mich aber schon oft gefragt: Muss das wirklich sein?

Die bunten Seiten

Wenn ich mich morgens (sollte ich tatsächlich mal nach 22:00 Uhr das Haus verlassen, auch abends) fertig mache, darf der Griff in den Farbkasten nicht fehlen. Dabei bin ich gar nicht so der Typ der sich besonders stark schminkt. Concealer, Puder, Mascara und Augenbrauen sind bei mir meist alles. Trotzdem helfen mir diese kleinen Utensilien, dass ich mich direkt deutlich frischer und auch hübscher fühle. Als würde man durch diese Kleinigkeiten einen derart großen Unterschied sehen, dass sie mich zu einem vollkommen anderen Menschen machen. Ich gehe viel lieber auf Leute zu, sei es an der Frischetheke, in der Uni Cafeteria oder am nächsten Postschalter. Es macht mir nichts aus mich offen und kommunikativ zu zeigen, weil ich das Gefühl habe meine Unsicherheiten überschminkt zu haben. Wenn mich aber jemand fragt wo ich meine Schwächen oder Probleme sehe, würde ich nie darauf kommen als erstes „mein ungeschminktes Ich“, oder ähnliches zu sagen. Wie also kommt es, dass ich mich so viel besser fühle wenn ich mir etwas ins Gesicht gepudert habe? Ich kann mir gut vorstellen, dass es einfach zur Regel geworden ist, dass die meisten Frauen geschminkt sind. Es ist eine Norm. Ungeschminkte Frauen sieht man nur sehr selten im Büro oder an der nächsten Ampel. Ich erinnere mich, dass ich meiner Mutter als kleines Kind immer fasziniert beim Schminken zugeschaut habe und sie mir manchmal etwas Wimperntusche aufgetragen hat. Ich habe mich dann nicht nur erwachsen gefühlt, sondern auch wunderschön. Von Kindesbeinen auf habe ich also gelernt, dass Schminke schön macht und dass alle Erwachsenen (jedenfalls die die ich im Laufe meiner Kindheit kennengelernt habe) geschminkt sind. Ich frage mich, ob ich ein anderes Bild von mir selbst hätte, wenn ich es damals anders gelernt hätte. Fakt ist, ich schminke mich gerne und habe beim weggehen auch Spaß daran ab und zu mal was auszutesten. Ein dunklerer Lippenstift, auffälligerer Liedschatten, es ist aufregend sich auf diese Weise neu erfinden zu können. Ich fühle mich dann anders, aber ganz ohne Schminke bin ich nicht ich selbst, obwohl ich doch grade das bin, oder nicht?

Die dunklen Seiten

Ich habe morgens keine Zeit, ich bin krank oder ich fühle mich einfach nicht danach mich an meinen Schminktisch zu setzen. Ich habe kein grundsätzliches Problem damit mich nicht zu schminken. Ich merke aber, dass ich dadurch in meinem Alltag eingeschränkter bin. Ich spreche nicht gerne Mitarbeiter im Supermarkt an, wenn ich etwas nicht finde. Ich habe das Gefühl angeschaut zu werden, aber nicht auf eine subtile Art, sondern eher im Sinne von Gaffen, als ob mit mir etwas nicht stimmen würde. Meine Haut ist nicht annähernd makellos. Ich habe zwar keine richtige Akne, aber sehr oft Pickel, undefinierbare rote Flecken (WTF seid ihr??? Und wo kommt ihr her!?) und Augenringe. Wenn jemand anderes mir diese Aufzählung zeigen würde, würde ich ihm sagen, dass er sich dafür nicht schämen muss und dass jeder mit solchen banalen Dingen „zu kämpfen“ hat. Denn sein wir mal ehrlich, es gibt eine Milliausend schlimmere Sachen, zum Glück! Ich weiß das, ich bin mir dessen permanent bewusst und trotzdem ist da diese kleine Stimme im Hinterkopf die einem einredet, dass man sich doch besser geschminkt hätte. In der Uni spreche ich nur selten mit Komilitonen wenn ich ungeschminkt bin und genau so selten spricht mich dann jemand an. Warum ist das so? Sehe ich so schlimm aus? Selbst wenn, bin ich mir inzwischen sicher, dass die innere Haltung sich auf die Äußere überträgt. Gehe ich also ungeschminkt irgendwo hin, fühle mich unsicher und unselbstbewusst, nehme ich auch äußerlich eine defensive Haltung ein. Ich denke daher rühren auch Kommentare wie „Geht es dir nicht gut?“, „Bist du krank?“, „Sag mal, kann es sein, dass du geweint hast?“. Ich glaube es liegt nicht am unbepinselten Gesicht, sondern an der Stimmung und Haltung mit der man in diesen Momenten seinem Gegenüber begegnet.

Der ungeschminkte Walk-of-Shame: Parfümerien

Der wohl schlimmste, ungeschminkte Gang ist der in die Parfümerie. Wenn mich die Augen der perfekt geschminkten Douglas-Mitarbeiter durchleuchten setzt unmittelbar mein Fluchtinstinkt ein. Es ist mir sogar schon passiert, dass ich den Gutschein, den ich doch eigentlich soo gerne für diese eine Creme ausgegeben hätte, zurück ins Portmonnaie verbannt habe, nur weil ich mich der gestylten Armee der Parfümerie-Ladys nicht stellen konnte. Wenn man das so hört fragt man sich zurecht: Ist dieses Mädel bescheuert? Ich weiß, dass mich keine der Mitarbeiterinnen WIRKLICH verurteilt. Aber es fühlt sich so an. Ich mache mir dann Gedanken darüber, was die wohl über mich denken und dabei komme ich nie besonders gut weg. Das keine der Frauen sich den Kopf darüber zerbricht, ob ich nicht weiß wie man Make-Up benutzt, ist mir dann blitzartig entfallen. Mein Selbstbewusstsein sinkt noch unter die Kanalisation. Manchmal denke ich dann daran, dass ich EIGENTLICH ganz anders aussehe und praktisch ein anderer Mensch sein kann, zumindest äußerlich. Dabei ist das doch totaler Quatsch. Streng genommen, bin ich die reinste Form meiner Selbst, wenn ich ganz und gar ungeschminkt bin und mir nicht synthetisch Dinge ins Gesicht schmiere, die gar nicht zu mir gehören. Meine Pickel, meine Makel, meine Adern auf den Augenliedern, all das bin ICH. Wie kann es sein, dass ich mich wie ich selbst fühle in den Momenten, in denen ich es nicht bin?

Ohne Maske die ich „Ich“ nenne

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Alles an mir gehört zu dem Menschen, der ich bin. Das ist schließlich auch gut so, denn jeden von uns gibt es nur ein einziges Mal. Wir sollten uns niemals dafür schämen, wir selbst zu sein und schon garnicht dafür, dass auch allen zu zeigen. Die Welt in der wir leben, macht uns zwar vor, dass das Auflegen der Maske am Morgen ein wichtiger und vor allem richtiger Schritt ist, die Menschen in ihr sind aber alle gleich. Jede Frau und jeder Mann ist ungeschminkt zur Welt gekommen und jeder von uns hat unter seiner Bemalung ein ungeschminktes Selbst. Ich denke, dass wir ursprünglich alle einfach nur wir sein wollen. Vermutlich werde ich mich auch nach diesem Post geschminkt wohler fühlen. Ich fände es aber schön, wenn ich mein Selbstbewusstsein unabhängiger davon machen könnte. Ein Stückchen Unabhängigkeit von meinen getunkten Pinseln. Denn wenn ich ganz ehrlich bin hat mir noch nie jemand gesagt „Wieso hast du dich nicht geschminkt, das machen doch alle so!“. Mir hat auch noch nie jemand von sich aus ernsthaft das Gefühl gegeben, mich ungeschminkt schämen zu müssen. Ich sollte also in Zukunft daran arbeiten mich so zu akzeptieren wie ich bin, mit allen kleinen Unebenheiten die das Leben so mit sich bringt. Ganz nach dem Motto „Der Ton macht die Musik“, einfach ich selbst sein, auch wenn ich nichts auf dem Gesicht trage. Ich bin mir sicher, dass mir die Menschen um mich herum ganz genau so freundlich begegnen, wenn ich nur meine Einstellung zu mir selbst ändere.

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